Ansätze und Optimierungsmethoden für die Konzeption einer
Leichtbaukarosserie
VDI Seminar - Leichtbau mit metallischen Werkstoffen, 24.-25. April 2002, Bremen
Dipl.-Ing. D. Schwarz,
Dipl.-Ing. Peter Urban, Institut für Kraftfahrwesen, Aachen
Kurzfassung:
Der Vortrag zeigt anhand von Beispielen die Anwendung
unterschiedlicher Optimierungsmethoden für die Entwicklung leichter,
beanspruchungs- und belastungsgerechter Karosseriebauteile.
Der Vortrag beginnt mit der Bewertung einiger Trends bei der
Fahrzeugentwicklung in Bezug auf den Leichtbau. Gegenübergestellt
werden Entwicklungen und Tendenzen wie die zunehmenden
Fahrzeugabmessungen, die Kundenwünsche nach immer mehr Komfort, nach
Variabilität und Sicherheit, die gehobenen Grundausstattungen und die
verschärften gesetzlichen Anforderungen, die das umgesetzte
Leichtbaupotenzial beim Modellwechsel in der Regel zu großen Teilen
wieder kompensieren.
Die grundlegenden Strategien (Formleichtbau, Stoffleichtbau,
Strukturleichtbau) werden kurz erläutert, die für die Umsetzung des
Leichtbaus angewendet werden. Durch diese Strategien sollen
beanspruchungsgerechte Bauteile entworfen werden. Zur Realisierung
werden spezielle, weiterentwickelte Fertigungsverfahren eingesetzt.
Für Blechschalenbauteile werden das Tailored Blank Verfahren, das
Bonded Blank Verfahren und das Flexible Walzen erläutert.
Neben der Abschätzung des Leichtbaupotenzials für die Karosserie auf
Basis von Literaturangaben wird eine technische Bemessungsgröße für
den Leichtbau, die Leichtbaugüte, vorgestellt. Die wirtschaftliche
Bemessung des Leichtbaus, das heißt die zumutbaren bzw. akzeptierten
Kosten für den Leichtbau, werden ebenfalls diskutiert. Speziell wird
in diesem Zusammenhang auf die Auswirkungen der Materialwahl
eingegangen.
Am Beispiel von zukunftsweisenden Karosseriekonzepten (Materialmix)
wird der Einsatz verschiedenster Leichtbaumaterialien aufgezeigt. Es
werden Beispiele für die Space-Frame-Bauweise in Aluminium und erste
Ansätze für die Space-Frame-Bauweise aus Stahl gezeigt.
Für die beanspruchungsgerechte Auslegung der Struktur ist eine
Verbesserung der heutigen Simulationstechniken erforderlich. Da eine
maximale Werkstoffausnutzung angestrebt wird, müssen die numerischen
Methoden die zu erwartenden Beanspruchungen hinreichend genau
abbilden. Dazu gibt es Ansätze, die Fertigungshistorie von
umgeformten oder gegossenen Bauteilen in die Crashmodelle bzw.
Strukturmodelle zu übertragen. Im Vortrag wird auf Beispiele zur
Berücksichtigung der Kaltverfestigung durch flexibles Walzen bei der
Crashberechnung einer Trägerstruktur, zur Einbindung von
Eigenspannungen aus dem Erstarrungsprozess in die Spannungsanalyse
eines Gussbauteils sowie zur Durchführung einer Strukturanalyse eines
Sickenblechs unter Beachtung der Blechdickenverteilung aus der
Umformsimulation eingegangen.
Für die Auslegung leichter und beanspruchungsoptimierter Bauteile
werden heute numerische Optimierungsverfahren im Entwicklungsprozess
eingesetzt. Als Beispiel wird die Anwendung der Sickenoptimierung
erläutert. Nach grundsätzlichen Betrachtungen zur Mechanik derartiger
Schalenstrukturen wird auf die Vorgehensweise bei der
Sickenoptimierung, die Validierung des Verfahrens, die Interpretation
der Ergebnisse und die Umsetzung am Beispiel der Rückwand eines
Pickup-Fahrerhauses eingegangen.
Eine erweiterte Optimierungsmethode wird am Beispiel einer Pkw-Tür
mit dem Ziel erläutert, ein gewichtsreduziertes Türkonzept zu
entwickeln, das zudem eine verbesserte Struktursteifigkeit besitzt.
Die Methode beinhaltet eine Strukturanalyse der Ausgangsversion, die
Topologieoptimierung der untersuchten Struktur, eine
Sensitivitätsanalyse gegebenenfalls relevanter Parameter, die darauf
aufbauende Optimierung dieser Parameter, eine Topographieoptimierung
zum Einsatz lokaler Versteifungen und eine nachfolgende
Strukturanalyse des neuen Konzeptes. Die Anwendung dieser Methode
wird ebenfalls für die Entwicklung von Leichtbaukonzepten für
Gesamtkarosserien erläutert.
Abschließend wird der Einsatz der numerischen Berechnungsprogramme
für die Entwicklung von leichten Strukturen bewertet. Die erläuterten
Optimierungsverfahren erfordern bei komplexen Strukturen große
Hardware-Ressourcen und ausgeprägte Erfahrung des Anwenders bei der
Problemformulierung sowie insbesondere bei der Interpretation und
Umsetzung der Ergebnisse. Die Optimierung wird jedoch in Zukunft bei
der Realisierung von Leichtbau als effektiver Lieferant für
innovative konstruktive Ideen unersetzlich werden.
Es bestehen die Forderungen nach einer geschlossenen Prozesskette in
der Entwicklung und nach einer eingehenden Untersuchung der
Wechselwirkungen zwischen Leichtbau und Wirtschaftlichkeit. Die
vollständige Nutzung der Potenziale der verschiedenen Werkstoffe wird
erst durch moderne Simulationstechniken möglich, die zugleich die
Entwicklung neuer konzeptioneller Ansätze für Leichtbaukarosserien
unterstützen. Dadurch bietet sich konventionellen, verbesserten
Werkstoffen wie hochfestem Stahl eine langfristige Perspektive.
Abbildung 1: Anwendung der Optimierungsmethoden auf die Karosserie